Neue Entdeckungen an der Fundstelle Breitenbach (Sachsen-Anhalt)

Sie ermöglicht einen Blick in die Altsteinzeit: Die mehr als 30.000 Jahre alte Freilandfundstelle Breitenbach ist bereits seit rund 100 Jahren bekannt. In diesem Jahr konnten erstmals seit 1927 wieder größere Anhäufungen von Mammutknochen freigelegt werden. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass anders als bisher angenommen nicht nur fossiles Elfenbein verarbeitet wurde, sondern eine aktive Jagd auf Mammuts stattfand.

Ausgrabungen nach modernen Standards erbringen seit 2009 im Rahmen eines Kooperationsprojekts des Archäologischen Forschungszentrums und Museums für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS, einer Einrichtung des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA), mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt ganz neue Einblicke in steinzeitliche Lebenswelten.  

Die Fundstelle

Mit einer Fläche von ungefähr 10.000 Quadratmetern ist Breitenbach-Schneidemühle im westlichen Eurasien die größte Freilandfundstelle des Aurignaciens, das heißt der Zeit vor etwa 42.000 bis 32.000 Jahren – einem frühen Abschnitt der Besiedlung Europas durch den anatomisch modernen Menschen. Dieser einmalige Fundplatz wurde bereits im Jahr 1924 durch einen Schüler entdeckt, der im Zuge von Bauarbeiten an der Schneidemühle bei Breitenbach einen Mammutzahn fand. Drei Jahre später, also fast genau vor einhundert Jahren, erfolgten 1927 umfassende archäologische Geländearbeiten unter Leitung von Dr. Nils Niklasson, einem schwedischen Archäologen, der damals an der ›Landesanstalt für Vorgeschichte‹ tätig war. Eine Fläche von beinahe 400 Quadratmetern wurde damals aufgedeckt.

Seit 2009 wird der Fundplatz durch Ausgrabungen nach modernen Standards erschlossen. In einem Kooperationsprojekt des Archäologischen Forschungszentrums und Museums für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS, einer bei Neuwied gelegenen Einrichtung des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA), mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt wurde die bislang untersuchte Fläche um mehr als 150 Quadratmeter erweitert. Zu den bedeutendsten Entdeckungen der letzten Jahre gehört ein Areal, das als Elfenbeinwerkstatt interpretiert wurde. Hier fanden sich etliche aus Mammutelfenbein gearbeitete Objekte sowie deren Herstellungsabfall: durchbohrte Perlen, Projektile und Fragmente plastischer Figuren. Eine Auswahl der Funde ist im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) ausgestellt.

Neufunde von Mammutknochen

In diesem Sommer wurde zwischen Juli und Oktober erneut in Breitenbach gegraben. Erstmals seit den Ausgrabungen Niklassons von 1927 konnten wieder größere Anhäufungen von Mammutknochen freigelegt werden. Zu den 2026 gemachten Funden gehören auch mehrere längere Stoßzahnfragmente und bearbeitete Elfenbeinstücke.

»Untersuchungen der Vorjahre hatten angedeutet, dass das in Breitenbach genutzte Elfenbein wahrscheinlich deutlich älter ist als die rund 32.000 bis 34.000 Jahre alte Besiedlung durch den frühen modernen Menschen«, erläutert Dr. Olaf Jöris, Projektleiter seitens MONREPOS/LEIZA, »Diese jagten nämlich vor allem Rentiere, seltener Pferde, hin und wieder einen Rothirsch, sowie Füchse und Hasen, letztere wahrscheinlich zur Pelzgewinnung. Die neuen Befunde legen nun aber nahe, dass die Breitenbacher Jäger vielleicht doch nicht nur fossiles Elfenbein nutzten, sondern Mammute vor Ort erlegten.« Einerseits taten sie dies, um die Tiere als Nahrung zu nutzen, wie Schnittspuren jetzt andeuten, andererseits dienten das Elfenbein und wohl auch die Tierhäute als Rohmaterialien für Geräte, Schmuck- und Kunstobjekte oder zur Herstellung von Bekleidung oder Zeltbahnen. »Aus einer Zeit, in der Fundplätze überwiegend aus Höhlen bekannt sind, ist ein Freilandfundplatz dieser Größe etwas ganz Besonderes, vor allem wenn die Funde so gut erhalten sind wie in Breitenbach. Daraus lassen sich ganz neue Erkenntnisse zur räumlichen Organisation der Lagerplätze damaliger Jäger und Sammler gewinnen. In Breitenbach gibt es etwa spezielle Bereiche der Elfenbeinbearbeitung oder der Verarbeitung von Schneehasen- und Eisfuchspelzen«, sagt Dr. Marcel Weiß, Projektleiter seitens des LDA Sachsen-Anhalt.

Freiwillige Grabungshelfer aus der ganzen Welt und Unterstützung vor Ort

In Breitenbach finden sich zu jeder Grabungssaison zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Welt ein, um die Grabungstechnik und -organisation zu erlernen, denn der Dokumentationsaufwand ist bei Grabungen aus dieser frühen Phase der Menschheitsentwicklung aufwendiger als bei der Untersuchung späterer archäologischer Epochen. Auch in diesem Jahr haben 40 Studierende aus dem In- und Ausland an der Grabung bei Breitenbach teilgenommen. 

Die langfristig ausgerichteten Grabungen an der Schneidemühle, deren örtliche Leitung sich die Archäologen Dr. Olaf Jöris (MONREPOS/LEIZA) und Dr. Marcel Weiß (LDA Sachsen-Anhalt) teilen, wären ohne die Unterstützung der Gemeinde und der Bürgerinnen und Bürger im Umfeld der Schneidemühle nicht möglich. Die rege Teilnahme an einer Informationsveranstaltung im benachbarten Haynsburg am 1. Oktober 2026 belegt das große öffentliche Interesse an den Ausgrabungen. Die Forschungen sollen fortgesetzt werden.

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