Die Jungsteinzeit markiert einen fundamentalen Einschnitt in der Menschheitsgeschichte. Erstmals wurden Gemeinschaften sesshaft und betrieben Ackerbau und Viehzucht. Zwischen 3.600 und 2.800 vor unserer Zeitrechnung errichteten frühe bäuerliche Gemeinschaften in Mitteleuropa außerdem Monumentalbauten und Grabkammern aus gewaltigen Steinen, sogenannte Megalithanlagen.
Erbgut von 203 jungsteinzeitlichen Menschen analysiert
Um neue Erkenntnisse zur Verbreitung und Nutzung dieser Bauten zu gewinnen, untersuchten die an der Studie beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Erbgut (aDNA) aus den Knochen von insgesamt 203 jungsteinzeitlichen Menschen. Die Gebeine stammen hauptsächlich aus Großsteingräbern der sogenannten Wartberg-Kultur im heutigen Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Dr. John Meadows vom LEIZA, Standort Schleswig, kombinierte für die Studie mehr als 150 neue und bereits bekannte Radiokarbondatierungen menschlicher Knochen mit Schätzungen zum Alter der Verstorbenen sowie mit genetischen Informationen. „Da viele der Menschen an den Fundorten eng miteinander verwandt waren, konnten wir ihre Lebenszeiten besonders gut einordnen – oft mit einer Genauigkeit von etwa 30 Jahren“, erläutert Meadows.
Vielfalt in der Jungsteinzeit
Die Analysen zeigen jedoch, dass die im selben Großsteingrab bestatteten Menschen nicht unbedingt biologisch verwandt sein mussten. Offenbar spielten dabei auch soziale Bindungen eine Rolle. Die jungsteinzeitlichen Patchwork-Gemeinschaften waren darüber hinaus deutlich mobiler als bislang angenommen. „Je mehr Daten wir aus der Jungsteinzeit haben, desto vielfältiger wird das Bild der frühen bäuerlichen Gemeinschaften in Europa. Spätestens nach diesen neuen Untersuchungen müssen wir auch das Familienbild und das Mobilitätsverhalten in der Urgeschichte neu denken“, fasst ROOTS Co-Sprecher Prof. Dr. Johannes Müller vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel die Ergebnisse zusammen.
Publikation:
Nicolas Antonio da Silva, Almut Nebel, Daniel Kolbe, Daniel Anton Myburgh, Florian Klimscha, Irina Görner, Katharina Fuchs, Christian Meyer, Kerstin Schierhold, Michael Rind, Robert Hoffmann, Andre Franke, John Meadows, Christoph Rinne, Johannes Müller, Ben Krause- Kyora (2026), Long-distance genetic relatedness in megalithic central Europe. Science,
https://doi.org/10.1126/science.aeb2926

