Der Mythos von den blonden, blauäugigen, kraftstrotzenden, freiheitsliebenden, naturverbundenen und moralisch integren Germanen als Vorfahren der Deutschen erfreut sich auch heute noch in weiten Teilen der Bevölkerung sowie in der popkulturellen Rezeption großer Beliebtheit. Während sich die Forschung seit Jahrzehnten um die Vermittlung eines differenzierteren Bildes bemüht, greifen Filme und Serien, Zeitschriften und Bücher, Comics und Videospiele, Musik, Events und soziale Netzwerke diesen Mythos oftmals unreflektiert auf und tragen zu seiner Verankerung in der Gesellschaft bei.
Noch bedenklicher ist die Tatsache, dass diese ohnehin problematische Vorstellung häufig mit Auffassungen von ethnischer, politischer, kultureller und/oder religiöser Überlegenheit kombiniert und für ideologische Zwecke instrumentalisiert wird. Als idealisierte „Urahnen“ dienen Germanen hier u.a. zur Legitimation gewaltbereiter „Verteidigung“ einer als ethnisch/kulturell homogen verstandenen „Heimat“ gegen „Überfremdung“ oder „ursprünglicher“ Lebensweisen und Geschlechterverhältnisse gegen Gleichberechtigung, sexuelle Vielfalt und alternative Familienmodelle. Gleiches gilt für die Propagierung eines eindimensionalen Naturideals gegen wissenschaftsbasierte Umweltpolitik oder ureigener religiöser „Wahrheiten“ gegen andere religiöse Anschauungen.
Im Vortrag werden Formen und Hintergründe zentraler Aspekte des Germanenmythos und seiner popkulturellen bzw. politischen Vereinnahmung thematisiert und analysiert, aber auch Möglichkeiten diskutiert, wie sich Geschichtswissenschaft, Bildungsarbeit und Öffentlichkeit zu dieser Vereinnahmung verhalten können.
Über die Vortragsreihe
In der von Historians for Democracy (hist4dem) organisierten Vortragsreihe „Geschichtsmythen auf dem Prüfstand“ beleuchten Expertinnen und Experten verbreitete historische Mythen zu Themen wie Sklaverei, Rasse, Wikingern und Germanen – differenziert, wissenschaftlich fundiert und hochaktuell.
Die Vorlesungsreihe findet im Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) in Mainz statt. Alle Veranstaltungen beginnen jeweils um 18:00 Uhr.