Forschungsprojekt

Baltische Migranten an der Ostgrenze der Kiewer Rus'

Der spätwikingerzeitliche archäologische Komplex von Ostriv am Ros' (Ukraine)

Zusammengefasst

Die Ros'-Region westlich des Dnepr (Porossya) ist eine Kontaktzone an der Südostgrenze der Kiewer Rus'. In diesem Raum begegneten sich Bewohner der Kiewer Rus', baltisch-slawische Zuwanderer und nomadische Gruppen der eurasischen Steppe. Politische Interessen, kulturelle Interaktionen und militärische Konflikte des 11.-12. Jahrhunderts verdichteten sich hier. Die Entdeckung des Gräberfelds von Ostriv mit auffälligen Bezügen ins Baltikum lieferte die Verbindung zwischen schriftlicher Überlieferung und Archäologie. Seine multidisziplinäre Untersuchung steht im Zentrum der ersten Projektphase.

Das Gräberfeld von Ostriv wurde 2017 entdeckt. Es liegt etwa 80 km südlich von Kyiw am Ros', der in den Dnepr mündet. Die hier entdeckten Bestattungen heben sich in mehrerlei Hinsicht vom Kontext der seit dem späten 10. Jh. christianisierten Kiewer Rus' ab: Sie sind Nord-Süd ausgerichtet mit dem Kopf im Norden, wie es auf einigen Nekropolen weit entfernt im Baltikum üblich ist, und sie führen Beigaben, die typologisch ebenfalls ins östliche Baltikum weisen. Dieser außergewöhnliche Befund war Anlass für ein Pilotprojekt des Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) in Schleswig und des Instituts für Archäologie der Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine (IA NAWU) in Kyiw, in dessen Rahmen bis 2020 auf einer Fläche von 1500 m2 mehr als 100 Körperbestattungen des 10./11. Jh. ausgegraben wurden. Neben vergleichenden typologischen Analysen wurden Bestattungsriten betrachtet und Schriftquellen des 10.-12. Jh. gesichtet. Wesentlicher Bestandteil war der Vergleich naturwissenschaftlicher Analysen von Skelettresten und Artefakten aus Ostriv mit Ergebnissen aus Lettland, Litauen und dem Kaliningrader Gebiet.

Die Pilotstudie bildet die Grundlage für das Projekt. Darin bietet sich die seltene Möglichkeit, die in den Schriftquellen dokumentierten Hinweise auf Wechselbeziehungen zwischen indigenen und neu angekommenen Gruppen in der Kiewer Rus' durch eindeutiges Fundmaterial aus einer archäologischen Perspektive zu betrachten. Das Verhältnis zwischen Einwanderern und Einheimischen berührt hochaktuelle Fragen nach Formen von Mobilität, Migration, Integration und Ethnizität, deren Diskussion durch die Forschungsergebnisse aus Ostriv neuen greifbaren Input erhalten wird. Denn in dem Projekt werden die räumliche Herkunft und der kulturelle Kontext einer archäologisch bezeugten Bestattungsgemeinschaft untersucht. Dadurch ergeben sich Erklärungsansätze für mögliche Hintergründe der Migration sowie der Ausgestaltung der Lebensumstände der betreffenden Menschen. 

Indem umfangreiche naturwissenschaftliche Analysen von Artefakten und Skelettmaterial den archäologisch-historischen Untersuchungen zur Seite gestellt werden, wird ein breiter interdisziplinärer Ansatz unter Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Beiträge verfolgt. Im Rahmen des Projektes werden eigene Feldforschungen durchgeführt, archivierte Fundmaterialien ausgewertet und Quellenstudien betrieben. Über den Fundplatz Ostriv hinaus bilden Fragen der militärischen Grenzsicherung der Kiewer Rus' gegenüber den nomadischen Steppenvölkern einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt des Vorhabens, der in einer nächsten Projektphase des auf sechs Jahre angelegten Projekts mit dem gesamten Befestigungssystem am Ros' stärker in den Vordergrund rücken wird.

Als das Forschungsprojekt beantragt wurde, hätte niemand gedacht, dass der Ausgrabungsort kurz darauf in einem Kriegsgebiet liegen würde. Der seit der russischen Invasion am 24.2.2022 anhaltende Krieg hat Auswirkungen auf die Durchführung des Projekts. Das deutsche Team kann nicht zur Feldforschung in die Ukraine reisen; die ukrainischen Kollegen dürfen wegen ihrer Wehrfähigkeit nicht ihr Land verlassen. Dennoch konnten die Ausgrabungen fortgesetzt werden, allerdings läuft die internationale Kooperation dabei nur über digitale Kommunikation. Der Projektstart im Sommer 2022 setzte ein wichtiges Zeichen, denn die die wissenschaftliche Kooperation erhält in unsicheren und Krisenzeiten eine besondere kulturpolitische Relevanz.

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Projektzeitraum

Seit 01.2022

Unterstützung

Sachbeihilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

  • Dr. Vsevolod Ivakin (IA NAWU), ukrainischer Projektpartner
  • Vjacheslav Baranov (IA NAWU), Koordination und archäologische Feldforschungen
  • Dr. Olga Manigda (IA NAWU), GIS-Analysen
  • Dr. Oleksandra Kozak (IA NAWU), Physische Anthropologie und Paläopathologie
  • Prof. Dr. Ben Krause-Kyora (CAU Kiel), aDNA-Analysen
  • Prof. Dr. Matthias Hardt (GWZO Leipzig), Prof. i. R. Dr. Christian Lübke (Berlin), Historische Analysen, Militärgeschichte
  • Prof. Dr. Rimantas Jankauskas, Dr. Justyna Kozakaitė (Universität Vilnius), Dr. Gunita Zarina (Universität Riga), Physische Anthropologie
  • Dr. Katherine French (Universität Cardiff),  Strontium-Isotopenanalyse
  • Prof. Dr. Lorenz Kienle (TEM-Zentrum CAU Kiel), Zerstörungsfreie Metallanalysen (FIB, TIM)

  • Shiroukhov, R., Baranov, V., Ivakin, V., Kozak, O., Borysov, A., Carnap-Bornheim, C., Kienle, L., Krause-Kyora, B., Meadows, J., Saleem, K., Schürmann, U., Kozakaitė, J., Miliauskienė, Ž. 2022. Baltic migrants in the Middle Dnipro region: A comparative study of the Late Viking Age archaeological complex of Ostriv, Ukraine. Medieval Archaeology 66(2), 221–265. https://doi.org/10.1080/00766097.2022.2118419 
  • Schneeweiß, J., Shiroukhov, R., Ivakin, V., Baranov, V., Kozak, O., Manigda, O., 2023. Baltische Migranten an der Ostgrenze der Kiewer Rus'. Der spät¬wikin-gerzeitliche archäologische Komplex von Ostriv am Ros (Ukraine). In: D. Quast, B. V. Eriksen (Hrsg.), Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie, Jahresbericht 2022. Schleswig, 60-63.
  • Schneeweiß, J., Shiroukhov, R., Ivakin, V., Baranov, V., Kozak O., Manihda O., 2024. Baltische Migranten an der Ostgrenze der KiewerRus’. Der spätwikingerzeitliche archäologische Komplex von Ostriv am Ros (Ukraine). 2. Projektjahr. In: D. Quast, B. V. Eriksen (Hrsg.), Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie, Jahresbericht 2023. Schleswig, 40-41.
  • Shiroukhov, R., Baranov, V., Ivakin, V., Krause-Kyora, B., Meadows, J., Saleem, K., Schürmann, U. 2024. Baltic migrants in Ukraine? A comparative laboratory study of the Late Viking Age Ostriv cemetery. In: Jonaitis, R., Kaplūnaitė, I. (eds), From paganism to Christianity. Burial rites during the transition period. Vilnius: LII, 275–299. https://www.doi.org/10.33918/978609831447214 
  • Kozak, O. 2024. The anthropology of the 11th-century Ostriv cemetery on the River Ros’ in Ukraine: The effects of migration. In: Jonaitis, R., Kaplūnaitė, I. (eds), From paganism to Christianity. Burial rites during the transition period. Vilnius: LII, 275–299

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