Das Duvenseer Moor in Schleswig-Holstein, Kreis Herzogtum Lauenburg, zählt zu den bedeutendsten Fundkomplexen Nordeuropas zur frühen Mittelsteinzeit. An den einstigen Seeufern haben sich die Spuren der damaligen menschlichen Gemeinschaften sowie der Tier- und Pflanzenwelt hervorragend erhalten. Dabei hat sich die Fundstelle „Lüchow LA 11“ als Schlüsselort für das Verständnis der frühen Mittelsteinzeit erwiesen.
Die älteste Brandbestattung Norddeutschlands
Bereits in den Jahren 2022/2023 wurde eine etwa 10.500 Jahre alte menschliche Brandbestattung freigelegt. Sie stellt die bislang älteste bekannte Bestattung dieser Art in Norddeutschland dar. Aus der frühen Phase der heutigen Warmzeit sind europaweit lediglich zwei weitere Brandgräber bekannt – eines aus den Niederlanden und eines aus Dänemark –, die jedoch deutlich schlechter erhalten sind. „In ‚Lüchow LA 11‘ sind hingegen unter dem später gewachsenen Moorboden größere Teile der ehemaligen Oberfläche konserviert geblieben. Diese außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen ermöglichen eine präzise Analyse des unmittelbaren Bestattungsumfeldes“, erläutert Dr. Harald Lübke vom LEIZA, Standort Schleswig, Leiter des Projekts „Frühmesolithikum im Duvenseer Moor“. Die Befunde zeigen, dass der Leichenbrand gemeinsam mit Resten des Scheiterhaufens beigesetzt wurde und die Grabstätte über längere Zeit offen sichtbar gewesen sein muss.
Auerochsenschädel auf Holzpfosten – ein außergewöhnlicher Fund
Im Sommer 2025 wurden weitere Flächen der Fundstelle untersucht. Dabei entdeckten die Archäolog*innen im ehemaligen Flachwasserbereich vor der Brandbestattung den vollständigen Schädel eines Auerochsen. „Anders als vergleichbare Funde – etwa von der rheinländischen Fundstelle Bedburg-Könighoven, wo stark zerschlagene Schädelreste als Schlachtabfälle interpretiert werden – zeigte das Exemplar aus ‚Lüchow LA 11‘ keinerlei Zerlegungsspuren“, berichtet Lübke.
Aufgrund seines fragilen Zustandes wurde der Schädel im Sedimentblock geborgen und im Museum für Archäologie auf Schloss Gottorf weiter untersucht. Beim Abheben größerer Knochenfragmente kam im Inneren überraschend ein hölzerner Pfostenrest aus Kiefernholz zum Vorschein. Zur weiteren Klärung wurde eine Computertomographie durch die Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte Medizintechnik (IMTE) in Lübeck veranlasst. Die Untersuchung erfolgte in Zusammenarbeit mit Comet Yxlon in einer leistungsstarken Anlage für großformatige archäologische Blockbergungen. Die CT-Scans bestätigten eindeutig: Der Schädel war durch das Hinterhauptloch auf einen Holzpfosten gesteckt worden, der später abbrach und im Schädel verblieb.
Hinweise auf komplexe Bestattungsrituale
Bereits 2022 war im Uferbereich vor der Brandbestattung ein kräftiger, tief in das Sediment eingetriebener Pfosten aus Pappelholz entdeckt worden. Weitere Hinweise auf eine größere Konstruktion ergaben sich jedoch nicht. Aufgrund der unterschiedlichen Holzarten kann der nun im Schädel nachgewiesene Kiefernholzpfosten nicht mit dem zuvor entdeckten Pfosten identisch sein.
Die Forschenden halten es daher für möglich, dass die Brandbestattung ursprünglich von mehreren auf Pfosten befestigten Tierschädeln umgeben war. Solche Arrangements könnten dem Schutz des Verstorbenen gedient haben und spiegeln möglicherweise animistische und totemistische Glaubensvorstellungen wider – also die Annahme einer Beseeltheit der Natur sowie einer spirituellen Verwandtschaft zwischen Menschengruppen und bestimmten Tierarten.
Vergleichbare Rituale sind ethnografisch von jüngeren Jäger- und Sammler-Gesellschaften in Europa, Asien und Nordamerika bekannt, bei denen Verstorbene sichtbar auf Plattformen oder Gestellen exponiert wurden. „Die Befunde aus ‚Lüchow LA 11‘ liefern nun erstmals konkrete archäologische Hinweise auf ähnliche Praktiken im nördlichen Europa zu Beginn des Holozäns“, so Lübke.
Lehrgrabungen und weitere Forschung
Seit 2023 werden die Ausgrabungen aufgrund der außergewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen als Lehrgrabungen durchgeführt. Studierende insbesondere der Universitäten Kiel, Rostock und der Freien Universität Berlin erhalten hier eine spezialisierte Ausbildung in der Methodik und Technik von Feuchtbodenausgrabungen.
Weitere Untersuchungen sollen nun klären, ob sich in bislang nicht freigelegten Bereichen zusätzliche Pfosten oder weitere Tierschädel nachweisen lassen. „Schon jetzt aber steht fest: ‚Lüchow LA 11‘ zählt zu den wichtigsten Fundplätzen der frühen Mittelsteinzeit in Nordeuropa und liefert uns einzigartige Einblicke in Leben, Tod und Glaubenswelten vor über 10.500 Jahren“, fasst Lübke die Bedeutung des Fundplatzes zusammen.
Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Harald Lübke
Leiter des Projekts „Frühmesolithikum im Duvenseer Moor“
Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA), Standort Schleswig
Tel.: +49 (0)4621 9859-660 | Mail: harald.luebke(at)leiza.de
Pressestelle LEIZA | Leibniz-Zentrum für Archäologie
Stephanie Mayer-Bömoser M.A.
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Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA)
Das LEIZA erforscht als Leibniz-Forschungsinstitut und -museum für Archäologie den Menschen und seine Entwicklung auf Basis materieller Hinterlassenschaften aus drei Millionen Jahren zeit- und raumübergreifend. Die daraus gewonnenen grundlegenden Erkenntnisse verhelfen zum besseren Verständnis menschlichen Verhaltens und Handelns und der Entwicklung von Gesellschaften. Damit bereichert das LEIZA das Wissen zum Menschen um die archäologische Perspektive und schafft wesentliche Grundlagen für die Reflexion der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft. Mit der Archäologie versteht das LEIZA den Menschen in den Zusammenhängen und teilt die gewonnenen Erkenntnisse im internationalen Dialog. Das LEIZA ist weltweit tätig und betreibt bislang erfolgreich und umfassend Forschungen in verschiedenen Regionen Afrikas, Asiens und Europas. Die einzigartige Konzentration archäologischer, naturwissenschaftlicher, restauratorischer und informationstechnologischer Kompetenzen verbunden mit bedeutenden Werkstätten, Laboren und Archiven erlaubt es dabei, objektorientierte Forschung zur Archäologie der Alten Welt (Asien, Afrika, Europa) von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die Neuzeit zu betreiben. Als eines von acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft verbindet das LEIZA exzellente Wissenschaft mit Ausstellungen und ist mit seinem Bildungsauftrag gleichzeitig ein Ort des Dialoges mit der Öffentlichkeit.
Bis zur Umbenennung zum 1. Januar 2023 war das LEIZA international bekannt als Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) und wurde im Jahr 1852 auf Beschluss der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine in Mainz gegründet. Seit 2024 ist das LEIZA an insgesamt vier Standorten in Deutschland vertreten: Mainz, Neuwied, Mayen und Schleswig. www.leiza.de
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