Während der frühen römischen Kaiserzeit erfuhren die Städte Griechenlands und ihr Hinterland tiefgreifende Veränderungen, die zum einen auf eine seit der späthellenistischen Zeit anhaltende Landflucht, zum anderen auf direkte römische Eingriffe in die gewachsenen Siedlungsstrukturen zurückzuführen sind. Intensiv hat sich die Forschung mit der Gründung von Nikopolis, der Siegestadt von Augustus nach der Schlacht von Actium, und den römischen coloniae Korinth und Patras sowie ihren tiefgreifenden Auswirkungen auf den ländlichen Raum beschäfigt. Hinter diesen politisch wie ökonomisch bedeutsamen städtischen Zentren treten die kleinen Poleis des Hinterlandes in der wissenschaflichen Diskussion üblicherweise zurück, wiewohl sie ein erhebliches Erkenntnispotential bergen. Das gilt, wie im Rahmen dieses Vortrages gezeigt werden soll, auch für die urbanistischen Transformationsprozesse der frühen Kaiserzeit auf der Inneren Mani-Halbinsel der Peloponnes – einem „spike of rock“ (Leigh Fermor 1958), der durch die karge Landschaft der südlichen Ausläufer des Taygetos-Gebirges geprägt ist.
Hier entstand in der frühen Kaiserzeit die Neugründung Kainepolis, eine Nachfolgerin der alten Siedlung von Kap Tainaron mit seinem berühmten Poseidonheiligtum, die in der Debatte um den Siedlungswandel im kaiserzeitlichen Griechenland bislang unberücksichtigt geblieben ist. In Anbetracht dessen, dass ihr Stadtgebiet archäologisch bislang nicht durch Feldforschungen erschlossen ist, vermag dieser Umstand wenig überraschen. Im Rahmen dieses Vortrages soll deshalb ein Perspektivwechsel vorgenommen werden, der Kainepolis unter sozialökologischen Gesichtspunkten von der Mikroregion der Inneren Mani in den Blick nimmt. Neben der Maximierung von landwirtschaftlichen Nutzflächen dürften insbesondere die Nähe zu den Steinbrüchen des rötlichen lapis Taenarius auf dem Gipfel des Profitis Ilias sowie eine zunehmende Konnektivität des Mittelmeerraumes wesentliche Faktoren für den lokalen Siedlungswandel dargestellt haben.
Der Vortrag ist Teil der Reihe "Mainzer Vorträge zur Römischen Archäologie" (MaVRA), gemeinsam veranstaltet von dem Arbeitsbereich für Klassische Archäologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dem Leibniz-Zentrum für Archäologie.
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