Forschungsprojekt

Goldblechfiguren im Fokus

Hauchdünne Goldbleche erzählen von Festgemeinschaften als Kerne politischer Allianzen in Krisenzeiten

Zusammengefasst

Weit über dreitausend winzige Figuren aus Goldblech stammen aus Skandinavien. Diese gestempeltem Plättchen sind materielle Zeugnisse der Reorganisation überregionaler gesellschaftlicher Strukturen nach einer Klimakatastrophe. Hergestellt wurden sie offenbar zu bedeutenden politischen und gesellschaftlichen Anlässen, wo sie im Rahmen großer Festlichkeiten Vorgänge und Menschen weihen sollten. Doch vieles bezüglich ihrer Ikonographie einerseits und der konkreten Anwendung anderseits ist noch unklar. Das Projekt möchte mit einem Team internationaler Wissenschaftler*innen Antworten finden und das Rätsel um die Entstehung und Funktion der faszinierenden Figuren lösen.

Wie reagieren Menschen auf Krisensituationen? Wie verarbeiten sie die Folgen von Naturkatastrophen, und wie können sie trotz widriger Umstände wieder an ältere Traditionen anknüpfen? Und wie werden die neuen Gesellschaftsstrukturen gefestigt? 

In Kooperation mit der Königlichen Gustav Adolf Akademie haben wir vom 15. bis 17. April 2026 in Uppsala, Schweden, einen internationalen Workshop durchgeführt. Er wurde hauptsächlich durch Riksbankens Jubileumsfond finanziert.

Dabei galt es, die bisher nur selten dokumentierten archäologischen Befunde der Goldblechfiguren genauer anzuschauen, um besonders folgende Forschungsfragen zu klären: Wie genau datieren einzelne Fundgruppen? Was macht die Fundplätze von Goldblechfiguren aus, was verbindet sie? Wozu dienten die hauchdünnen Folien konkret und wie wurden sie angewendet? Wie konnten sie über ganz Skandinavien verbreitet werden?

Der Workshop beschäftigte sich also mit der Revision der Ergebnisse alter Ausgrabungen wie auch der Vorstellung und Analyse moderner Forschungen. Beides ist dringend notwendig, um exaktere Angaben machen zu können über die Herstellung, Verwendung und Datierung der kleinen Bleche. Dazu wurden die Ausgräber*innen aktueller wie auch älterer Grabungen eingeladen. Außerdem kamen weitere führende Expert*innen nicht nur für die Goldblechfigurenforschung, sondern auch für frühmittelalterliches Gold und Handwerk im Allgemeinen sowie der Religionsgeschichte hinzu. Die Ergebnisse dieses lebhaften Workshops sollen in einer Publikation festgehalten werden, deren Erscheinen für 2027 vorgesehen ist.

Das internationale, interdisziplinäre Forschungsprojekt zu den Goldblechfiguren wurde bereits im Jahr 2016 im damaligen Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA), seit 2024 LEIZA, Standort Schleswig, ins Leben gerufen. Es wurde in enger Kooperation mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen des In- und Auslandes geplant und geleitet von Prof. Dr. Alexandra Pesch (Schleswig) und Dr. Michaela Helmbrecht (Fa. Archäotext, München). Ein erster Workshop mit 30 eingeladenen Spezialisten aus neun Nationen und ebenso vielen Fachbereichen fand im Oktober 2017 in Schleswig statt. Im Mittelpunkt stand hier die Ikonographie der Goldblechfiguren mit der Frage, inwieweit ihre Bilderwelt einheimisch ist oder Einflüsse anderer Kulturen bzw. Bildersprachen zeigt. Als Ergebnis wurde festgehalten, dass die neue Bildersprache tiefe Wurzeln in den älteren Tierstilen der Völkerwanderungszeit hat, also nicht von außen eingeführt worden ist. Die Publikation der Beiträge des Workshops mitsamt einer ausführlichen Synthese ist 2019 erschienen (s.u.).

Ein weiteres wichtiges Ergebnis bezog sich auf gesellschaftliche Neuorganisationen nach der Klimakatastrophe in der Mitte des 6. Jahrhunderts. Diese ist archäologisch in Nordeuropa als großer Einschnitt erkennbar: Siedlungskammern leerten sich, es entstanden stattdessen befestigte, stadtähnliche Anlagen; auf Runensteinen sind erstmals die Namen kriegerischer Herrscher bzw. Herrscherdynastien überliefert; nicht länger wurde kostbarer, goldener Schmuck mit reichhaltigen Bilddarstellungen angefertigt, sondern die letzten Besitztümer wurden in der Erde vergraben – und nie wieder hervorgeholt. Dies geschah im Zusammenhang mit der sogenannten Kleinen Spätantiken Eiszeit, deren Staubschleier mehrere Jahre lang im Norden Europas das Sonnenlicht abschirmten. Folgen waren Missernten, Hungersnöte, Krankheitsepidemien, Kriege. Doch gegen Ende des 6. Jahrhunderts scheint sich die Gesellschaft langsam wieder zu stabilisieren. Es tauchen neue Arten von Fundgattungen auf mit neuen Bildern, darunter viele Waffen bzw. Prunkwaffen als Zeugen der Bedeutung kriegerischer Konflikte, aber eben auch die winzigen goldenen Plättchen mit figürlichen Darstellungen, die Goldblechfiguren, deren Ikonographie friedlicher Natur zu sein scheint und vermutlich auch religiösen Zwecken diente.

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Projektzeitraum

Seit 01.2016

Unterstützung

Kungl. Gustav Adolfs Akademien för svensk folkkultur, Schweden Riksbankens Jubileumsfond, Schweden

  • Pesch, Alexandra/Helmbrecht, Michaela. 2024. Surviving the Crisis: Gold Foil figures as evidence of cultural and religious reorganisation. In: T. Zachrisson, S. Fischer (eds.), Change. The Shift from the Early to Late Iron Age in the First Millennium AD (Neue Studien zur Sachsenforschung 13). Stockholm 2024, 253-270.
  • Pesch, Alexandra. in print. Manufacturing and treatment of gold foil figures. In: Technologies – Knowledges – Sustainability: Crafting societies in the first millennium CE. Tagungsband Sachsensymposion 2023. Stavanger.
  • Pesch, Alexandra/Helmbrecht, Michaela (eds.). 2017. Gold foil figures in focus. A Scandinavian find group and related objects and images from ancient and medieval Europe. Papers presented at an international and interdisciplinary workshop organized by the Centre for Baltic and Scandinavian Archaeology (ZBSA) Schleswig, October 23rd to 25th, 2017. Advanced studies in ancient iconography 1 (Schriften des Museums für Archäologie, Ergänzungsreihe 14). München: Verlag Friedrich Pfeil.
  • Pesch, Alexandra/Helmbrecht, Michaela (eds.). 2017. Gold foil figures in focus: synthesis and results. In: Gold foil figures in focus, s.o., S. 427-449.

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