Die weltweite Ausbreitung des Homo sapiens setzte vor etwa 50.000 Jahren ein. Dieser Prozess war auch von Begegnungen mit Neandertalern geprägt, die später ausstarben und unsere Art zur einzigen noch lebenden Menschenart auf dem Planeten werden ließen. Doch dies war nicht der erste Kontakt zwischen beiden Menschenformen: Bereits seit vor etwa 300.000 Jahren trafen sie wiederholt aufeinander. Die Spuren und Folgen dieser frühen Begegnungen sind jedoch bislang weitgehend unbekannt.
Hier setzt das Projekt mit dem Titel “Early ENCOUNTERS: Population dynamics and behavioral complexity across the Balkan Peninsula 300,000-100,000 years ago” an, das Dr. Tamara Dogandžić leitet. Sie ist Wissenschaftlerin am Archäologischen Forschungszentrum und Museum MONREPOS in Neuwied, einer Einrichtung des LEIZA. „Im Zentrum unseres Projekts steht die Frage nach den Ursprüngen der Komplexität und Vielfalt menschlichen Verhaltens. Neandertaler und Homo sapiens entwickelten in dieser frühen Phase bemerkenswerte Innovationen – von neuen Techniken zur Herstellung von Steinwerkzeugen bis hin zu spezialisierten Jagdmethoden. Entstanden solche Neuerungen durch Begegnungen und den Austausch von Ideen, oder entwickelten verschiedene Populationen sie unabhängig voneinander? Und warum führten manche Begegnungen zum Fortbestehen von Populationen, während andere mit ihrem Verschwinden endeten? Diesen Fragen wollen wir nachgehen, indem wir den Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdynamik und kulturellem Wandel untersuchen, erläutert Dogandžić.
Der Balkan als Forschungsgebiet
Der Fokus liegt dabei auf der Balkanhalbinsel. Sie war bereits in der frühen Menschheitsgeschichte eine Region der Bewegung und Begegnung. Zwischen Europa, Asien und Afrika gelegen, konnte die abwechslungsreiche Landschaft je nach Klima als Rückzugsraum, Durchzugsgebiet oder Barriere dienen. Hier trafen unterschiedliche Populationen aufeinander und mussten sich immer wieder an neue Lebensbedingungen anpassen, wie fossile und archäologische Funde zeigen.
„Eine besondere Informationsquelle bietet uns die Fundstelle Suhi Dol in Bosnien und Herzegowina, die uns bei unseren umfangreichen Feldarbeiten als zentraler Fundplatz dient. Dort haben sich über mehrere Zeitperioden hinweg Steinwerkzeuge, Tierknochen und Spuren von Feuerstellen erhalten. Sie ermöglichen es, den Alltag früher Menschen Schritt für Schritt zu rekonstruieren – von der Herstellung von Werkzeugen über Jagd und Ernährung bis zur Nutzung der Landschaft“, berichtet Dogandžić.
Interdisziplinäre Methoden für neue Erkenntnisse
Für ihre Analysen will die Archäologin mit ihrem Team ein breites Spektrum moderner Methoden einsetzen. So geben detaillierte Untersuchungen der Funde Aufschluss über Veränderungen in Technologie und Jagdpraktiken. Die Ergebnisse werden mit Klima- und Umweltanalysen, chemischen Verfahren wie Isotopen- und Biomarkeranalysen sowie genetischen Daten verknüpft. Verschiedene Datierungsmethoden können zudem Aufschluss darüber geben, wann Menschen an einem bestimmten Ort lebten. Ein computergestütztes öko-kulturelles Nischenmodell führt die unterschiedlichen Informationen anschließend zusammen und macht sichtbar, wie Umweltbedingungen und menschliches Verhalten zusammenwirkten.
Das Forschungsprojekt ist Teil des LEIZA-Forschungsfelds „Menschwerdung: Die Evolution menschlichen Verhaltens“, das sich mit zentralen Fragen zur Entwicklung des Menschen und seiner Lebensweise beschäftigt. Es schließt an die langjährige Forschung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Archäologischen Forschungszentrums und Museums MONREPOS an.
Was können wir von den frühen Menschen lernen?
„Das Projekt ENCOUNTERS trägt dazu bei, eine der interessantesten Fragen unserer Vorgeschichte neu zu betrachten: Was machte den Homo sapiens so anpassungsfähig – und warum konnte er sich letztlich durchsetzen? Die Erkenntnisse aus dem ERC-Projekt werden zu einem besseren Verständnis grundlegender Prozesse der menschlichen Evolution beitragen“, führt die Generaldirektorin des LEIZA und Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft Univ.-Prof. Dr. Alexandra W. Busch aus. „Die Forschung des LEIZA ist darauf ausgerichtet, unser Wissen zum Menschen und seiner Entwicklung durch eine archäologische Perspektive zu erweitern. Das Projekt ENCOUNTERS nimmt dabei eine zentrale Frage in den Blick: Wie konnten menschliche Populationen über sehr lange Zeiträume mit tiefgreifenden Veränderungen ihrer Lebensbedingungen umgehen und sich immer wieder an neue Herausforderungen anpassen?“, so Busch.
„Die Einwerbung eines ERC Starting Grants ist für junge exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein besonderer Erfolg, denn mit der Bewilligung dieser Förderung wird innovative Forschung auf höchstem Niveau ausgezeichnet“, betont Clemens Hoch, Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Gesundheit des Landes Rheinland-Pfalz. „Ich gratuliere Dr. Tamara Dogandžić sehr herzlich und wünsche ihrem Vorhaben ein gutes Gelingen. Wir freuen uns darüber, dass dieses Projekt auch auf internationaler Ebene das wissenschaftliche Potenzial unseres Landes sichtbar macht“, so Hoch weiter.
Förderung durch den European Research Council
Der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) ist eine von der Europäischen Kommission eingerichtete Institution zur Finanzierung von grundlagenorientierter und exzellenter Forschung. Er wird über das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizon Europe“ finanziert. Ziel der ERC-Förderung ist es, die besten und kreativsten Wissenschaftler*innen dabei zu unterstützen, neue Ansätze in allen Fachgebieten zu entdecken und zu erforschen. Besonders interdisziplinäre, die Grenzen ihres Fachbereiches überschreitende Ansätze werden hierbei als innovationsversprechend begrüßt.
Mit Starting Grants unterstützt der Europäische Forschungsrat exzellente promovierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in einem frühen Karrierestadium. Ziel ist es, den Weg in die wissenschaftliche Unabhängigkeit und den Aufbau einer ersten eigenen Forschungsgruppe zu unterstützen. Für die Projekte erhalten sie bis zu 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren.
Weitere Informationen zum ERC Starting Grant: https://erc.europa.eu/apply-grant/starting-grant
Wissenschaftlicher Kontakt
Dr. Tamara Dogandžić
Leiterin des Projekts “Early ENCOUNTERS: Population dynamics and behavioral complexity across the Balkan Peninsula 300,000-100,000 years ago”
MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution, Neuwied
Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA)
Tel.: +49 (0)2631 9772-279 | Mail: tamara.dogandzic@leiza.de
Pressestelle LEIZA | Leibniz-Zentrum für Archäologie
Stephanie Mayer-Bömoser M.A.
Tel.: +49 (0) 6131 8885 165 | Mail: stephanie.mayerboemoser(at)leiza.de
Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA)
Das LEIZA erforscht als Leibniz-Forschungsinstitut und -museum für Archäologie den Menschen und seine Entwicklung auf Basis materieller Hinterlassenschaften aus drei Millionen Jahren zeit- und raumübergreifend. Die daraus gewonnenen grundlegenden Erkenntnisse verhelfen zum besseren Verständnis menschlichen Verhaltens und Handelns und der Entwicklung von Gesellschaften. Damit bereichert das LEIZA das Wissen zum Menschen um die archäologische Perspektive und schafft wesentliche Grundlagen für die Reflexion der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft. Mit der Archäologie versteht das LEIZA den Menschen in den Zusammenhängen und teilt die gewonnenen Erkenntnisse im internationalen Dialog. Das LEIZA ist weltweit tätig und betreibt bislang erfolgreich und umfassend Forschungen in verschiedenen Regionen Afrikas, Asiens und Europas. Die einzigartige Konzentration archäologischer, naturwissenschaftlicher, restauratorischer und informationstechnologischer Kompetenzen verbunden mit bedeutenden Werkstätten, Laboren und Archiven erlaubt es dabei, objektorientierte Forschung zur Archäologie der Alten Welt (Asien, Afrika, Europa) von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die Neuzeit zu betreiben. Als eines von acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft verbindet das LEIZA exzellente Wissenschaft mit Ausstellungen und ist mit seinem Bildungsauftrag gleichzeitig ein Ort des Dialoges mit der Öffentlichkeit.
Bis zur Umbenennung zum 1. Januar 2023 war das LEIZA international bekannt als Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) und wurde im Jahr 1852 auf Beschluss der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine in Mainz gegründet. Seit 2024 ist das LEIZA an insgesamt vier Standorten in Deutschland vertreten: Mainz, Neuwied, Mayen und Schleswig. www.leiza.de
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